Soweit bekannt, verfügt keines der international anerkannten Bach-Periodica über ein wirklich anonymes Peer-Review. Meist entscheidet ein renommierter Herausgeber über Auswahl und Erscheinungstermin eines Beitrags. Dies ist wohl nicht nur der Tradition, sondern auch der Überschaubarkeit dieses Spezialgebiets der Musikwissenschaft geschuldet. Innerhalb der Community (er)kennt jeder fast jeden.
Am Beispiel eines der in diesem Blog in unkonventioneller Form vorgelegten Texte soll experimentell demonstriert werden, wie künftig eine Qualitätssicherung auch ohne menschliches Zutun stattfinden könnte. Das Verfahren kann bei Bedarf anonym sein, aber auch öffentlich mitverfolgt werden – eine Option, die bislang als „Open Participation“ nur sehr selten praktiziert wird.
Einige der Kernthesen dieses, als „fiktionales“ Vortragsmanuskript definierten Beitrags über Bachs mutmaßlichen Leipziger Hauptlibrettisten wurde in einem fraktionierten, sich selbst fortschreibenden Prozess durch das LLM „GPT-5“ evaluiert. Die Ergebnisse sind unter Perplexity.ai dokumentiert.
Anmerkungen zur Methodik
- Es wurde zunächst eine Grundthese vorgegeben, die im untersuchten Text nur als Nebensache auftaucht (Unterscheidung zwischen lyrischem und realem Ich in Bachs geistlichen Texten?) Gleichsam eine „Fangfrage“.
- In den anschließenden Nachfragen wurden einzelne Behauptungen und die zugehörigen Belege des Vortrags-Textes stückweise und in sinnvoll erscheinender Reihenfolge angefügt – teils als wörtliche Zitate.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die ursprüngliche „Meinung“ des „digitalen Peers“ von Antwort zu Antwort, mit dem Aufkommen immer weiterer Detailbelege, modifizierte, bis sich eine sehr fein ausdifferenzierte finale Version ergab (Wie viele „ICH“ hatten Bach, seine Hörer und sein Textdichter?). Zudem wurden fast alle Mutmaßungen als in sich konsistent, mit Evidenz untermauert und in ihren Abhängigkeiten überzeugend eingestuft.
Es ist noch anzumerken, dass eine wenige Tage zuvor erstellte ähnliche Anfrage (mit überwiegend identischen Prompts) zu inhaltlich tendenziell gleichen, formal aber völlig anders gestalteten Antworten kam. Ob dies der Tatsache geschuldet ist, dass OpenAI auf massive Nutzerreaktionen hin Änderungen am „Sozialverhalten“ von ChatGPT-5 vorgenommen haben soll (Art der Ansprache, Ausführlichkeit und Strukturierung der Antworten), kann nicht beurteilt werden. Auch ist weder nachvollziehbar noch vorhersagbar, welche Methodik (simple Frage, Deep-Thinking) dem Routing der Basis-Anfrage zugrunde lag. (Die Übermittlung erfolgte nicht direkt an ChatGPT, sondern über Perplexity als Wrapper.)
Anmerkung zur Einbindung: Bislang gibt es keine Möglichkeit, den Thread an dieser Stelle vollinhaltlich dynamisch einzubetten, sodass nur eine Verlinkung geboten werden kann. Eine von Perplexity empfohlene statische Kopie würde die geplante Fortschreibung des Textes durch zusätzliche Nachfragen oder gar das Umschreiben kaum noch handhabbar machen.
Ausblick: Als weiterer Schritt in diesem Experiment bietet sich an, eine identische Version der Prompts anderen „digitalen Peers“ vorzulegen (Claude, Grok, Gemini, …)