Zur Vorgeschichte von BWV 244 wäre zunächst eine Passage aus der 3. Passionspredigt Heinrich Müllers zu bewerten:
„Schrecklich ist es / daß hie der Knecht den HErrn / die Creatur den Schöpffer / mit der Hand / die der Schöpffer selbst gemachet / schläget in das Angesicht / das aller Engel und Außerwählten Lust und Freude ist.“
und sodann diese seine Worte, die als Nucleus für BW 244b/27b angesehen werden könnten:
„Wunder ist es / daß diesen gottlosen Menschen nicht der Blitz und Donner hat zerschmettert: Daß nicht die Erde ihren Mund auffgethan / und ihn verschlungen. Aber das ist Gottes Langmuth / die noch auff Besserung gewartet hat.“
Mit der betrüblich-empörten Formulierung: „Wunder ist es …daß … nicht der Blitz und Donner …“, die auf zeitgenössische Traditionen (Scriver) zurückweist, ist auch die folgende, von der theologischen Forschung bislang nicht zufriedenstellend erklärte dramaturgische „Fehlstelle“ in der Chronologie der entsprechenden Szene der Matthäus-Passion (BWV 244/27b) aufgelöst.
Dort nämlich wird kein reales Geschehen geschildert, für das es im Bibeltext an dieser Stelle auch gar keinen Beleg gibt, sondern die in ein fiktionales Geschehen gekleidete, innere Beteiligung – das Mitleiden, Mitbeben – der Hörenden über einen zwar erwünschbaren, aber aus soteriologischer Sicht nicht erfüllbaren Eingriff der Schöpfung in das Passionsgeschehen.
Musikalische Konsequenzen: Um „Blitze!“ und „Donner!“ in Satz BWV 244/27b onomatopetisch zu legitimieren, initiiert Bach sie – ohne biblische Erfordernis, rein musikdramaturgisch – in dem vorangehenden Satz BWV 244/27a, wo sie überfallartig in ein Notturno-haftes, als Bass-loses Duett zwischen Sopran und Alt als Blitze („Lasst ihn! Hal-tet!!“) und Donner („Bin-det nicht!!!“) mehrfach buchstäblich in die stille Reflektion des vorherigen, textlich eher als musikalisch hoch dramatischen Geschehens – gleichsam als Echo – hineinblitzen und hineindonnern.
Welcher opernaffine Textautor hätte das besser erfinden können? Welcher bibelaffine Opernkomponist hätte das genialer vertonen können? Einen solchen dramaturgischen Trick: die Rückverlegung auf den allbekannten Topos eines anerkannten, volkstümlichen Predigtproduzenten (Heinrich Müller)? Hier hat Bach ebenso knapp wie genial das biblische Narrativ extendiert – um dessen Sinn theologisch zu unterstreichen und aesthetisch zu überformen.
Picander schreibt 1725 https://www.perplexity.ai/search/von-wem-stammt-dieser-text-o-d-ocEzVHySQfaJHcncWcRFwg#0
